Angst Vor Sprecherkollegen?

Angst vor Sprecherkollegen

Ich erwische mein Herz immer wieder dabei, wie es beginnt schneller zu schlagen, wenn ich ausnahmsweise nicht alleine im Studio für Aufnahmen stehe, sondern Sprecherkollegen neben mir am Mikro Platz nehmen. Die ohnehin bereits kleine Kabine, wird noch kleiner, die Luft noch stickiger und nicht nur die Menschen außerhalb meiner kleinen Sprecherblase hören mich, sondern auch meine Kollegen haben mich laut und deutlich auf dem Ohr. Sogar auf Beiden. Bedeutet: es wird von jedem noch so kleinen Schmatzer, jedem Atemgeräusch und jedem Versprecher Notiz genommen. Ahhhh… Hilfe! Aus sicherer Quelle weiß ich, dass ich mit diesen Gedanken nicht die Einzige bin.

Alle Sprecherkollegen in einem Boot

Eigentlich alles halb so wild, sollte man meinen – wir sitzen schließlich alle im selben Boot. Wir sind alles Menschen, keine Roboter und jeder von uns ist herrlich unperfekt. Der eine mehr, der andere weniger, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Außerdem sind wir in keiner Castingsituation, in der wir Sprecherkollegen als Konkurrenten gegeneinander antreten und nur einer gewinnen kann. Nein. Wir sind alle fest gebucht und jeder Sprecher hat seine Daseinsberechtigung. Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass ich anstatt 150%, die ich im Normalfall im Studio gebe, 200% geben muss, besser noch eine kleine Schippe drauflege, schließlich möchte ich nicht, dass die Kollegen schlecht von mir denken. Absurd, oder? Jemand, der einen guten Job macht, braucht doch keine Angst zu haben, dass seine gute Arbeit auf einmal zu einer schlechten Arbeit wird, nur weil jemand anderes zuhört und daraufhin schlecht denken könnte. Hallo, Selbstbewusstsein! Lässt du diesen Schwachsinn bitte? Danke!

Wo stehe ich im Hinblick auf meine Sprecherkollegen?

Wenn ich den schönen Stimmen meiner Kollegen über den Kopfhörer lausche, ertappe ich mich selbst dabei, wie ich mich mit ihnen vergleiche. Unsere Stimmfarben, unsere Art zu Artikulieren, unsere Arbeitsweise, wie wir mit Kritik und Fehlern umgehen. Gedanken fliegen durch meinen Kopf. Vielleicht hätte ich die eine Stelle im Text ganz anders betont oder hätte niemals eine so lange Pause zwischen den zwei Sätzen gelassen. Mit meiner Stimme hätte sich der Part meines Kollegen sowieso komplett anders angehört, alleine auf Grund unserer sehr unterschiedlichen Stimmen. Es ist interessant zu sehen, dass es ganz verschiedene Wege gibt, um zum perfekten Ergebnis zu kommen. Und bei Sprechern hört sich eben jeder Weg ganz unterschiedlich an. Meiner anders, als der meines Kollegen. Und unsere wiederum anders, als die von allen anderen Sprechern. Aber einen falschen Weg gibt es nicht. Zumindest nicht unter guten Sprechern. Und so sollte man doch von dem Gedanken wegkommen, ob der Kollege seinen Job besser oder schlechter macht, als man selbst, und es lieber genießen, einen Einblick in die ganz persönliche Sprecherwelt eines Kollegen zu bekommen. Ich habe das Gefühl, wir Sprecher machen immer sehr stark unser eigenes Ding. Kochen unser eigenes Süppchen. Verstecken uns ein Stück weit hinter dem Mikrofon. Sind voll und ganz in unsere Welt versunken. Angst vor Sprecherkollegen muss keiner von uns haben. Ganz im Gegenteil. Selbst die größten und professionellsten Sprecher machen Fehler. Ihnen geht es manchmal ganz genauso. Jeder ist hin und wieder unsicher oder irritiert. Und denen, denen es nicht so geht, die geben es vielleicht einfach nicht zu.

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